Coca-Cola in Angola
Fettnäpfchen oder Programm? Unser Kanzler zeigt sich als guter Deutscher, der gerne saubere Straßen und ein Stück Schwarzbrot zum Frühstück hat. Deshalb fühlt er sich im Ausland auch nicht wohl; verständlich. Seine Äußerungen zum brasilianischen Lebensgefühl und zum Frühstücksbuffet in Angola wirken so ungeschickt und provinziell, dass man unwillkürlich ein Gefühl der Peinlichkeit verspürt. Aber dann denkt man weiter – und stellt sich ein paar Fragen.
Kann ein Finanzhai wirklich so provinziell sein?
Nein, er kann nicht. Er tut nur so, als sei er aus dem Sauerland nie herausgekommen. Als Blackrock-Veteran und Besitzer eines Privatjets hat er schon etliche ausländische Frühstücksbuffets genossen.
Warum sagt er dann sowas?
Ich fürchte aus Berechnung. Er denkt an seine Wähler. Besonders an deutschfühlende Wähler mit Ressentiments.
Mich erinnert der Ruf nach deutschem Brot in Angola an „Filterkaffee statt Chai Latte“ und „Bier statt Cocktails“ – lifestyle-Vorschläge von Maximilian Krah in seinem Buch „Politik von rechts“.
Vielleicht liegt dieses Buch ja bei Friedrich Merz auf dem Frühstückstisch?
Krah stellt darin folgende Frage: „Selbst, wenn sich eine restriktive Einwanderungspolitik in 10 Jahren durchsetzen ließe, bleibt die Frage, was mit den dann im Land befindlichen Menschen mit Migrationshintergrund geschehen soll.“
Und Merz antwortet: „Bei der Migration sind wir sehr weit. (…) Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem. Und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“
Kulturkampf von rechts, Provinz ist Programm, der Wind weht braun, und wer sein Fähnchen nicht danach ausrichtet, ist schon auf dem Weg in die Illegalität.
Darauf ein Champagner, Friedrich! Oh, Entschuldigung: ein Bier!
A propos Kultur: Es gibt bekanntlich diverse Verschwörungstheorien, die davon ausgehen, dass wir von Reptiloiden, Illuminaten, Davos oder Christdemokraten regiert werden. Das meiste ist bestimmt Unfug, aber aufgrund von aktuellen leaks seiner frühen Gedichte kann ich allen, die dies lesen, versichern, dass unser Kulturstaatsminister ein Vogone ist. Vogonen sind nur die drittschlechtesten Lyriker des Universums. Aber sie sind äußerst übellaunige Bürokraten. Ehe sie ihre Gefangenen in den Hyperraum abschieben, foltern sie sie mit Lesungen ihrer Gedichte. Und jetzt stelle man sich vor, die Menschen, die in Abschiebehaft auf die Rückführung in Länder ohne jedes vernünftige Brot, dafür mit echten Kriegen und Diktaturen warten, bekommen zum Andenken an Deutschland solche Verse mit auf den Weg: „überwuchert mit Eiterbeueln / nötigt er die Schwangere / zum Fleischreiben / sein Pech / dass sein Schwanz platzt“. Den Rest vom Gedicht hören sie nicht mehr, weil sie so laut „Hyperraum! Hyperraum!“ schreien. Und den Rest der Geschichte kann man bei Douglas Adams nachlesen.
Zum Schluss noch eine gute Nachricht. Ich glaube, dass einer der besseren zeitgenössischen Poeten unerkannt in Övelgönne am Elbhang wohnt. Er sitzt Tag für Tag auf derselben Bank. Jetzt im Winter hat er ein paar Decken mehr. Und liest und schreibt. Wenn einer ihn entdecken möchte und ihm im Gegenzug ein Obdach anbieten, bitte melden. Es sollte aber mit Elbblick sein.
27.11.2025
Kriegstüchtig!
Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner protestiert.
Wir sehen zu, wie unsere neue Regierung mit der AfD schäkert und leise an der Dekonstruktion der Demokratie arbeitet, wie sie mit alten Mehrheiten das Grundgesetz ändert, um eine Kriegswirtschaft anzuwerfen. Und wo suchen wir die wahren Feinde der Demokratie? Auf dem Ostermarsch.
Ich vermute ganz naiv, dass die Mehrheit der Bevölkerung nichts von Wirtschaft versteht und deshalb keine große Lust auf Krieg hat. Da nun aber die uns regierenden Parteien Kriegstüchtigkeit, Wehrhaftigkeit und militärische Zeitenwende beschlossen haben – wie verkaufen wir es dem Wählervolk, dass es auf Sozialleistungen, Klimaschutz und den einen oder anderen Feiertag verzichten soll, um die Gelegenheit zu erhalten, in naher Zukunft unter einer Bombe zu krepieren? Bunker auf dem Mars oder Mond oder notfalls in Neuseeland kann sich ja nicht jeder leisten.
Es geht, für die Konservativen, gegen DEN Russen (Spahn) oder gegen HITLER für die Wähler von SPD und Grünen. Und wo verorten wir diesen Hitler, jetzt, wo manchem Politiker in den USA schon der rechte Arm hochrutschte? Er ist immer und überall.
Die den Krieg als Mittel für eine gesunde Nation nicht anerkennen wollen, nennen wir Lumpenpazifisten (danke, Sascha Lobo!). Klingt wie Nazisprech? Nein, denn die Lumpenpazifisten sind zugleich selbst die Nazis. Schwer nachvollziehbar? Vielleicht, doch die AfD wird uns helfen, die logische Lücke zu füllen.
Aus eben dem Kalkül, das schon seinerzeit bei Corona gut für sie aufgegangen ist, marschieren die Rechten plötzlich bei Ostermärschen auf. Hurra.
Man könnte sich fragen, was diese Typen in der Friedensbewegung zu suchen haben.
Aber warum viele Fragen stellen? Es macht die Sache nur kompliziert.
Einfacher ist es, dankbar hinzunehmen, dass ihre Anwesenheit die gesamte Friedensbewegung in einen Haufen Faschisten verwandelt. Da will keiner mehr mitlaufen. Nicht die Kirchen und Gewerkschaften, die über Jahrzehnte die Tradition der Ostermärsche geprägt haben, und die Grünen haben sich sowieso schon länger verabschiedet. Der AfD bringt es Wähler, die Kirche bekommt eine Sonderermahnung seitens der Regierung, der Konsens ist da. Alle wollen das gleiche. Einen kleinen niedlichen Krieg. Prost.
(Doch, die AfD will auch. Sie möchte nur etwas Regierungsverantwortung als Dankeschön.)
Ist der kriegerische Konsens geschaffen, kann die leiseste Kritik den, der sie äußert, verdächtig machen, ein Nazi zu sein, ein Putinfreund, Lumpenpazifist, Staatsfeind, Kommunist oder Freimaurer. Lieber den Mund halten und die alte Uniform aus dem Schrank holen.
Trotz der neofaschistischen Welle, die uns unaufhaltsam zu überrollen scheint, erinnert die aktuelle Kriegslaune eher an die Stimmung von 1914. Da war so viel mitreißender Optimismus, dass sich dem nur einige wenige Anarchisten und sonstige Außenseiter entziehen konnten, obwohl man, anders als 1939, eine abweichende Meinung halbwegs frei hätte äußern können. Eine naive Begeisterung und Siegesgewissheit, auf die ein so grausamer Krieg folgte, dass man ihn in Frankreich la der des der taufte, den letzten der letzten – ein vernünftiger Wunsch, der leider nicht in Erfüllung ging. Heute, angesichts des mehrfachen atomaren Overkills auf beiden Seiten der Front unseres neuen Kalten Krieges, wäre es an der Zeit, die Vernunft einmal aufzuwecken. Denn, wie es Goya seinen Capriccios voranstellte: Der Schlaf der Vernunft erzeugt Ungeheuer.
23.4.2025
Die große Hitlerinflation
Man sagt: Es herrscht eine Große Hitler-Inflation. Ich habe eine Strategie zur Lösung des Problems entwickelt: Man sollte alle Hitlers dieser Welt, die großen und die kleinen, ineinanderschachteln wie Matrjoschkas und sie auf ein Häkeldeckchen stellen.
Und es wird Frieden.
Es begann vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat und ich zwanzig Jahre alt war und jede Woche den Spiegel las. Da stand eines Montags auf dem Cover „Saddam=Hitler“, farblich passend schwarz-rot hinterlegt. Drinnen belehrte mich ein Aufsatz (er stammte von Hans-Magnus Enzensberger, folglich belehrte er), dass niemand so geeignet zum Erkennen eines Hitlers sei wie die Deutschen, also wir, also er. Dabei hatte ich gerade noch in der Schule gelernt, dass Saddam unser moderater Verbündeter gegen die fanatischen Mullahs sei. Jetzt Hitler. Für mich war es der Beginn vom Ende einer langen Lesefreundschaft, für die Welt der Beginn der großen Hitlerinflation.
Heute gibt es so viele Hitlers, dass man sie kaum noch zählen kann. Gerade war Putin der aktuellste von uns Deutschen ausgemachte Hitler, da überholte flugs die AfD mit neuen Hitler-Erkenntnissen: Hitler war Kommunist. Warum hat er die Kommunisten dann alle umgebracht? Vielleicht wollte er der einzige sein. Hitlers sind so, unberechenbar. Israel ist inzwischen auch Hitler, obwohl Hitler sechs Millionen Juden ermordet hat. Und Putin glaubt, die Ukraine ist Hitler, wo er doch selbst Hitler ist. Verwirrender geht es kaum? Doch.
Denn vorgestern, da hat die Hitler-Inflation mich schließlich selbst erfasst. Dank Alice Weidel. Sie hat kurzerhand alle, die in Hamburg gegen sie demonstriert haben, zu kleinen Hitlers erklärt. Was? Wollten wir nicht gegen die Wiederkehr des Faschismus protestieren? Egal, die Sache hat ihre eigene Logik.
Die Wiederkehr des Ewig Gleichen
Ebenfalls vor rund dreißig Jahren, zu Anfang der Hitler-Inflation, hatte ich, unter dem Eindruck der damaligen Brandstiftungen und Morde von rechts, zweimal die Vision einer wiederauferstandenen uniformierten Volksgemeinschaft. Ich erinnere mich genau an beide Momente. Der eine war spät am Abend in einer Kneipe auf Sankt Pauli, wo junge Menschen mit merkwürdigen Kurzhaarfrisuren und Kleidung in schwarz und braun herumsaßen, die sich alle glichen und bestimmt nichts Politisches im Sinne hatten. Der andere war frühmorgens im Kölner Bahnhof, als ich aus einem französischen Nachtzug stieg. Ich sah sie vor mir, uniformierte Gespenster, gleichgültige, ausdruckslose Zuschauer, wie ein Bild aus einem alten Film. Ich erschrak. Ich erzählte ein paar Leuten davon. Es war nur ein Spuk, er verschwand.
Heute ist der Spuk wieder da und will nicht verschwinden. Die Untoten leben.
Wo, frage ich mich, kann man hingehen, wenn sie wiederkommen?
18.1.2025
Doch ob sie mich erschlügen…
Sich fügen heißt lügen.
Heute vor neunzig Jahren wurde Erich Mühsam, einer der mutigsten und aufrichtigsten Menschen, Dichter und Anarchist, im KZ Oranienburg ermordet.
Acht Tage, ehe man ihn verhaftete, am 20. Februar 1933, hielt er seine letzte öffentliche Rede, vor der oppositionellen Berliner Ortsgruppe des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller: „Und ich sage euch, daß wir, die wir hier versammelt sind, uns alle nicht wiedersehen. Wir sind eine Kompanie auf verlorenem Posten. Aber wenn wir hundertmal in den Gefängnissen verrecken werden, so müssen wir heute noch die Wahrheit sagen, hinausrufen, daß wir protestieren.“
Mühsam schrieb viele Gefängnisgedichte, das oben zitierte ist eins davon. Die Nazis waren nicht die Ersten, die ihn einsperrten, auch das Kaiserreich und die Weimarer Republik brachten ihn hinter Gitter. Für seine Beteiligung an der Münchner Räterepublik wurde er zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilt, und wäre er nicht nach fünf Jahren entlassen worden, hätten seine späteren Mörder die Mühe nicht gehabt, ihn noch einmal festzunehmen.
Erich Mühsam suchte sein ideelles politisches Zuhause nicht bei der nach protestantischer Arbeitsethik schuftenden werktätigen Klasse, er verortete sich beim fünften Stand, dem von Allen verachteten Lumpenproletariat. In dessen Angehörigen sah er die wahre Bohème, „die einer neuen Kultur die Wege weist“, das Spiegelbild des künstlerischen Menschen, zu ihnen fühlte er die innigste Solidarität. Denn für ihn waren Künstler, unabhängig von ihrem Werk, zuallererst „Menschen, die die gesellschaftliche Nutzarbeit verweigern“ – deren Recht darauf forderte er zugleich mit dem Recht des fünften Standes auf Arbeitsverweigerung.
„Der Künstler wird [..] naturgemäß in eine jeder Gesellschaftsordnung feindliche Stellung gedrängt. Sein Selbsterhaltungstrieb führt ihn unweigerlich dezentralistischen, anarchistischen Tendenzen zu.“
Freiheit, die selbstgeschaffene und erkämpfte, ist eine Frage des Überlebens, im autoritären Elternhaus, in der autoritären Schule, im autoritären Staat, so lange, bis letzterer ihm zum Mörder wird.
„Kein Staat kann Freiheit schaffen oder Freiheit erhalten.“
Erich Mühsam verabscheute alle Beziehungen zwischen Menschen, die auf Gehorsam beruhen und somit besonders das Militär. Schon 1912 klagte er die deutschen Sozialdemokraten dessen an, dass sie dem kommenden Krieg zustimmen würden, und schrieb etwas, was mehr als hundert Jahre später unverändert stehen bleiben kann: „Die letzte Entscheidung über Krieg und Frieden haben heute die Börsen und Bankhäuser.“
Wenn die meisten seiner Zeitgenossen im „Untertan“ ihr Portrait gezeichnet fanden, so war er der Anti-Untertan. Bis heute feiern wir lieber die bürgerlichen Talente und adligen Offiziere als den Besucher der Nacktkommune. Weil seine Respektlosigkeit, seine Unbedingtheit an etwas rühren, das bei zu vielen von uns verkümmert oder korrumpiert ist – das kleine Organ Gewissen. Vielleicht wurde es der gesamten deutschen Nation operativ entfernt, und wenn wir es vermissen, so wollen wir‘s nicht zugeben und bauen unsere Denkmäler denen, die uns nicht verstören.
Mit all seinem Mut konnte Erich Mühsam den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Wären mehr Menschen wie er da gewesen, so hätte es anders ausgehen können.
Wollt ihr denen Gutes tun, die der Tod getroffen, Menschen, laßt die Toten ruhn und erfüllt ihr Hoffen!
Dieser Text beruht im Wesentlichen auf Auszügen aus meinem Essay „Woher der Mut?“, der ab September in der neuen Anthologie des Hamburger VS zur Freiheit des Wortes nachzulesen ist.
10.7.2024
Requiem für eine Insel
Sie gehörte zu den Orten, an denen die Zeit vorbeigeht, die unverändert darauf warten, dass man sie im Sommer besucht, bewohnt und wieder verlässt bis zum nächsten Jahr. Elf Kilometer Strand, keine Autos, menschenleer abends, wenn das letzte Boot in die Stadt gefahren war, die Strandbars schlossen und nur die Bewohner des Zeltplatzes übrigblieben.
Viele portugiesische Familien und viele internationale Familien. Die meisten kamen immer wieder, wir versammelten uns um die Grillplätze, tranken Wein vor unseren Zelten, gingen schwimmen bei Meeresleuchten und übernachteten mit Lagerfeuer am Strand. Die Kinder spielten Fußball und Fangen in allen Sprachen. Die Eltern genossen die Freiheit, ganz ohne Babysitter. Der Sternenhimmel war großartig, wir sahen Mondfinsternisse und einen Blutmond und fühlten uns abgeschieden von der Welt, mitten im Algarve. Wenn die Wellen am Strand zu hoch waren, planschten die Kinder in der Lagune, sahen den Fähren zu, die von der Stadt kamen, fanden Muscheln und Einsiedlerkrebse. Mit dem Schiff gelangte man in wenigen Minuten in die Stadt und zum wunderbarsten Markt. Der wurde irgendwann aus der schönen alten Halle am Fähranleger in ein neues Gebäude umgesiedelt, aber die Marktleute blieben dieselben, sie erkannten uns wieder und beschwerten sich gelegentlich, dass meine Kinder kein Portugiesisch sprachen.
Auf dem Camping gab es keine Kühlschränke, der Fisch hing mariniert in den Bäumen und wurde von der Sonne vorgegart. Auch sonst hatte der Platz keinen überflüssigen Komfort zu bieten, es gab kalte Duschen und viel Sand, ein bisschen Schatten, sehr viele Mücken und hin und wieder Ratten. Am Zaun erschien nachts manchmal ein Fuchs, der es auf geheimnisvolle Weise auf die Insel geschafft hatte und ließ sich mit Essensresten füttern. Ebendieser Fuchs klaute uns nachts am Strand ein großes Stück Käse, ließ die Choriço aber liegen.
Am Wochenende reisten Jugendliche zum Feiern an, dann wurde am Strand getanzt, der Campingplatz wurde laut und voll, bis am Sonntagnachmittag die Inselruhe zurückkehrte.
Zwei meiner Kinder lernten schwimmen auf der Ilha. Wir blieben manchmal den ganzen langen Sommer – die Übernachtung kostete fast nichts. Oft gingen wir wandern oder Städte erkunden und kamen zum Ende unserer Ferien dorthin, wie man nach Hause kommt. Und trafen zuverlässig Bekannte und Freunde, ob man sich vorher verabredet hatte oder nicht.
Im Herbst schloss der Campingplatz und öffnete erst im Mai wieder. Aber zwanzig Jahre lang hatte er das ganze Jahr über einen einsamen Bewohner, João. Klein, krumm und alt saß er ganz hinten bei seinem Zelt oder am Tisch in der Bar, trank café com cheirinho, Espresso mit Schnaps, und schien sich ebenso wenig zu verändern wie alles um ihn herum. Er stammte aus Lissabon, hatte die Stadt aber seit 25 Jahren nicht mehr betreten. Auch die Stadt Tavira besuchte er nicht gern, er ließ sich seine Lebensmittel von anderen Leuten mitbringen. Er badete nicht im Meer, nur in der Lagune, zu viele Leute, sagte er, habe er ertrinken sehen. Er war Ingenieur gewesen, nach einem Arbeitsunfall lebte er von einer kleinen Rente. Eines Sommers war er plötzlich nicht mehr da. In einem Pflegeheim, nach einem Schlaganfall. Das war vor sieben Jahren.
Diesen Sommer ist alles verschwunden. Den Campingplatz gibt es nicht mehr. Die Stadt hat ihn an einen Investor verkauft. Nächstes Jahr soll etwas Grauenvolles mit dem Namen „Eco Glamping“ dort eröffnet werden. Das Plakat am Bauzaun verspricht ein Resort, das halb von einem Römerlager bei Asterix, halb vom Club Méditerranée inspiriert scheint. Mit Rasenflächen und Pool und einer Art Aussichtsplattform, so dass man an den Strand nicht einmal mehr gehen muss. Die Familien, die bisher ihre Sommer auf der Ilha de Tavira verbracht haben, werden einen Aufenthalt dort nicht bezahlen können. Und wenn ich es bezahlen könnte, so würde ich an einem solchen Ort gewiss nicht sein wollen.
3.7.2024
Bomben am Strand
Bei unserer Ankunft in Tel Aviv war die Luft gelb, das Thermometer zeigte 40 Grad im Schatten, und eine Palme stürzte quer über die Straße vom Flughafen in die Stadt. Von einem riesigen Plakat starrte Netanyahu hinab wie ein halbierter Big Brother: „Du bist der Kopf. Gott sei Dank.“
Nachts hörten wir Flugzeuge und dachten an Krieg.
Am nächsten Morgen war der Himmel blau, die Temperatur angenehm, es gab Leben in den Cafés und klares Wasser im Meer. Alles fühlte sich normal an – besser als normal.
Zum Netanyahu-Plakat sah ich, weniger groß, dafür öfter, ein Anti-Plakat: „Du bist der Kopf. Du bist schuld.“
Ich verliebte mich aufs Neue in Tel Aviv. Das enge Nebeneinander von Baracken und Hochhäusern, alt und neu, schäbig und teuer, renoviert und improvisiert, die bunten Graffiti an den Mauern, die bunten Menschen in den Straßen. Eine Stadt, in der man leben möchte. Wie Zuhause, nur mit Magie.
Aber die Endzeitstimmung, die jetzt nicht mehr in der Luft hing, hörte ich aus vielen Gesprächen heraus.
Der Staat Israel besteht seit 76 Jahren. Wie lange noch?
Wohin kann man gehen, wenn es sich in Israel nicht mehr leben lässt? Der Antisemitismus in der Welt nimmt zu.
Religiöse Fanatiker aus den Regierungsparteien arbeiten daran, einen dritten Tempel in Jerusalem aufzurichten. Sie opfern Tiere auf dem Tempelberg, warten auf den Messias und wollen das ganze Land für sich.
Es wird einen Militärputsch geben.
Es wird zum Bürgerkrieg kommen.
Netanyahu zerstört unseren Staat.
Netanyahu ist für Israel gefährlicher als die Hamas.
Kaum einer ist optimistisch.
Auf einem Ehemaligentreffen des Gymnasia Rechavia, einer Eliteschule in Jerusalem, sind Ärzte, Juristen, Unternehmer versammelt. Auch ein ehemaliger Minister ist dabei. Viele äußern ihren Unmut über die aktuelle Regierung. Ich unterhalte mich mit einem emeritierten Professor. Wird Netanyahu nicht bald gehen müssen, frage ich, bei so viel Widerstand aus der Gesellschaft? Er widerspricht. Wir leben im Jahr 1934, sagt er, wir sind in diesem Land schon in der Minderheit.
In Yaffo sprechen wir mit einer jungen Palästinenserin. Sie trägt einen schwarzen Hijab, und der Kontrast zu den langen künstlichen Wimpern und ihren aufgespritzten Lippen irritiert mich. Sie kritisiert die religiöse Schule, die sie besucht hat. Die einfachen Menschen wollen keinen Krieg, sagt sie. Sie wollen, dass es ihrer Familie gut geht. Den Krieg wollen andere.
Jeden Samstagabend gibt es große Demonstrationen. Für die Rückkehr der Geiseln, die am 7. Oktober 2023 verschleppt wurden, für ein Ende des Krieges. Gegen die Regierung. Nicht groß genug, sagt ein Freund. Vor Beginn des Krieges seien die Demonstrationen gegen die Regierung viel größer gewesen.
Netanyahu braucht den Krieg, um an der Macht zu bleiben. Braucht er auch die Hamas?
Die Warnungen der jungen Soldatinnen am Ausguck, die ungewöhnliche Aktivitäten an der Grenze beobachteten, wurden nicht gehört. Der Vater einer von ihnen, die am 7. Oktober ermordet wurde, spricht auf einer Demonstration.
Polizisten treten einen Mann, der durch den Angriff der Hamas sechs Angehörige verloren hat.
Sechzig Prozent der Bevölkerung sind gegen die Regierung, siebzig vielleicht, heißt es. Andere sagen, der Eindruck, den ich habe, täuscht: Tel Aviv ist nicht Israel.
In Israel treffen auf engstem Raum, so wie die Hochhäuser und die Hütten in Tel Aviv, äußerst gegensätzliche Positionen aufeinander. Eine moderne, liberale und gebildete Gesellschaft wehrt sich gegen religiöse Ultras, Rechtsnationale, Faschisten. In Israel passiert im Kleinen etwas, das zur Zeit fast überall auf der Welt passiert. Die gute Nachricht aus Israel ist: Die Gesellschaft wehrt sich tatsächlich. Wird sie Erfolg haben?
Werden die Leute, die sich andernorts wehren, Erfolg haben?
Es gibt inzwischen weltweit wieder mehr Diktaturen als Demokratien. In Italien regieren die Neofaschisten. In Frankreich haben sie es nicht mehr weit dorthin. Möglicherweise werden wir in Deutschland bald wieder sehr viel Mut brauchen, um unsere Meinung frei zu äußern. Wird es, anders als 1933, genug Menschen geben, die diesen Mut auch aufbringen?
Wie die Zahl der Demokratien abnimmt, so nimmt die Zahl der Kriege zu. Denn auch das ist Grundsatz einer freien Gesellschaft: Konflikte mit Worten auszukämpfen und nicht mit Waffen.
Am vorletzten Tag unseres Aufenthalts lagen wir am Strand. Ich meinte, Gewitter aus der Ferne zu hören. Viele Leute standen auf und sahen nach oben, wo Blitze den Himmel erleuchteten. Der Bademeister forderte uns auf, den Schutzraum aufzusuchen. Ich hatte, anders als die Einheimischen, das Geräusch von Raketen nicht erkannt: Ich hatte das Glück, aus einer Welt ohne Krieg zu stammen.
2.6.2024
Fünfzig Nelken, oder: Kann die Welt Utopie?
Vor 50 Jahren, am 25. April 1974, fiel auf romantische Art eine der letzten Diktaturen Europas. Portugal besiegte den Salazarismus, mittlerweile präsentiert von Salazars Nachfolger Caetano, nicht mit Kugeln, sondern mit Blumen.
Eine Freundin, die mich lange kennt, bat mich kürzlich, mein nächstes Buch möge eine Utopie sein, der Entwurf einer friedlichen, von alten Traumata befreiten Gesellschaft, und sie schickte mir ziemlich präzise Wünsche. Warum, mag man sich fragen, schreibt sie nicht selbst – wo sie doch weiß, wo sie hinauswill?
Sie hat ihre Gründe, und die hängen mit meinen beiden letzten Büchern zusammen. „Gegenliebe“ ist der dystopische Roman einer zutiefst entfremdeten Gesellschaft. Im März 2020 schickte ich den Text an die Kulturmaschinen. Wenige Tage darauf begann der erste Corona-Lockdown. 2021, als das Buch erschien, war die Dystopie in vollem Gange, mit Kontakt- und Ausgangssperren, Kontrollen an den Eingängen von Geschäften und vor allem der schauderhaften Erkenntnis, wie zerbrechlich der zivile menschliche Umgang ist, der unsere Gesellschaft zusammenhält.
Im Oktober 2023 folgte „Abrechnung in Sagres“, ein Portugalkrimi, in dem alte faschistische Seilschaften ihre unheilvolle Rolle spielen, und an dessen Ende einer der Täter mit der Wiederkehr des überwunden Geglaubten droht.
„Wie viele seid ihr?“, fragte Rui Gonçalo.
„Das weiß niemand. Deshalb kann man uns auch nicht eliminieren. Es wird vielleicht dauern, aber irgendwann kommen wir wieder raus. Sieh zu, dass ich dann ein gutes Wort über dich sagen kann.“
Als Portugal, knapp vor dem fünfzigjährigen Jubiläum der Nelkenrevolution, kürzlich wählte, habe ich mir endgültig meinen Kassandra-Ruf bei oben erwähnter Freundin erworben. Denn Portugal, das bis dahin mit einer absoluten Mehrheit moderat links regiert wurde, und als beinahe letztes europäisches Land immun gegen den Reiz des Faschismus 2.0 schien, wählte mit einem Mal sehr weit rechts.
Kann man den 25. April jetzt mit guten Gefühlen feiern? Irgendetwas steckt einem dabei im Hals. Die Desillusion vermutlich. Der Glaube, dass es möglich sei, die Dinge zu verändern, sie nicht so hinzunehmen, wie sie unausweichlich zu sein scheinen – hat den noch jemand?
Ich befürchte, dass ich die bessere Welt, von der Portugal nach dem 25. April träumte, nicht herbeischreiben kann. Utopie zu denken, wird nicht einfacher, je ohnmächtiger sich die oder der Einzelne fühlt, den neuen autoritären Imperativen gegenüber. Aber man sollte sich daran erinnern, dass eine Diktatur sehr lange dauern kann, wenn sie einmal da ist, und es gefährlich ist, schon vorher zu resignieren.
10.4.2024
Mensch bleiben
In Eugène Ionescos Stück „Rhinocéros“ verwandeln sich die Bewohner der Bühne nach und nach in eine Herde Nashörner. Jeder hat seine guten Gründe. Mensch bleibt nur der schüchterne, ständig alkoholisierte Bérenger, dem es an Ehrgeiz zur Nashornwerdung fehlt. So absurd das Geschehen ist, so realistisch die Charaktere in ihrem Drang zur Anpassung.
Es liegt nahe, das Stück, erschienen in den 1950er Jahren, als Parabel auf den Faschismus zu lesen. Es lohnt sich, beim Wiederlesen an heute zu denken. Während die Nashörner im Tierreich vom Aussterben bedroht sind, nimmt ihre Zahl unter den Menschen stetig zu.
Denken wir aber nicht an heute, dann stelle ich mir Erich Mühsam in der Rolle des einzigen Menschen vor. Ein Außenseiter wie Ionescos Bérenger, ein konsequenter Verweigerer der bürgerlichen Tugenden und Freund des Lumpenproletariats. Für ihn waren Künstler, unabhängig von ihrem Werk, zuallererst „Menschen, die die gesellschaftliche Nutzarbeit verweigern“. Ein Anti-Untertan im Land der Untertanen, den die Untertanen konsequent verfolgten und vor neunzig Jahren ermordeten.
Lang ist es her, aktuell bleibt die Frage: Warum wagt einer Mensch zu bleiben, wenn die Nashörner marschieren? Aktuell bleibt auch vieles, was Mühsam schrieb, ein Beispiel seine Skizzierung der „deutschen Charakterlosigkeit“, die er „mit dem Beamtencharakter der Deutschen“ erklärt, „mit dieser übertriebenen Richtigkeit, Deutlichkeit, Gründlichkeit in allen Dingen, die jede frische Sorglosigkeit ausschließt und mit dem wahrhaft widerlichen Unfehlbarkeitsdünkel des deutschen Wesens, an dem bekanntlich die Welt genesen soll [...]. Wir halten’s hier mit der Wissenschaftlichkeit, die alles kennt, alles weiß, alles durchschaut, und was sie etwa nicht kennt, weiß und durchschaut, wie die übersinnlichen Dinge, einfach leugnet. Dadurch hat der typische Deutsche etwas Unpersönliches, Langweilig-Sachliches, ewig Korrektes. Er funktioniert statt zu leben, und darauf beruht ja auch seine hervorragende Militärtüchtigkeit.“
Wer sich am 27. Februar 2024 in Lübeck oder in der Nähe von Lübeck aufhält, wo die Erich-Mühsam-Gesellschaft das Andenken des Dichters hoch hält, der sei herzlich eingeladen, in die „Gemeinnützige“ zu kommen. Um 19:30 Uhr, Königstr.5, 23552 Lübeck, verfolge ich die Frage weiter: Woher der Mut?
3.4.2024
Vom Grauen unter Tannenbäumen
Je suis Scrooge. Ich bin weder reich noch geizig noch einsam, zum Glück, aber ich habe eine Heidenangst vor Weihnachten.
Es beginnt im November, wenn der Sommer trotz all meiner Bitten endgültig gegangen ist und die Trinität aus Regen, Wind und Dunkelheit ihre lange, bedrückende Herrschaft antritt. Das Wort Winterdepression habe übrigens ich erfunden.
Im Dezember verschleudert das Jahr den Rest seines Katastrophenbudgets. Wir tun es ihm nach und überziehen unsere Konten, um irrwitzige Geschenke und dekadente Mahlzeiten zu bezahlen. Nervlich schon vorgeschädigt, nach den Wochen ohne Tageslicht und voller Unglücksfälle, versammelt man die Familie und versucht gemeinsam Frieden zu atmen. Kein Wunder, dass es nicht immer klappt. An Weihnachten wird begreiflich, wie der Weg zum Krieg mit guten Vorsätzen gepflastert sein kann.
Der Geist der Weihnacht ist mir nie erschienen, aber dafür der Geist von Eimsbüttel. Er hat die Gestalt eines kleinen, alten Mannes, der ein schweres Brillengestell und eine Prinz-Heinrich-Mütze trägt. Auf einem Klapprad aus den 1970er Jahren fährt er durch sein Viertel und raucht einen Stumpen dabei. Im Abstand von mehr als dreißig Jahren habe ich ihn zweimal gesehen. Beide Erscheinungen glichen sich vollkommen und flößten mir keinerlei Furcht ein, nur eine leise Nostalgie.
21.12.2023
150 Jahre in der Hölle
Vor 150 Jahren veröffentlichte Arthur Rimbaud, auf eigene Kosten, die poetische Dokumentation einer Reise nicht in eine, in alle denkbaren Höllen. Er bekam sieben Belegexemplare seines schmalen Werks, der Rest blieb ein paar Jahrzehnte auf dem Dachboden der Druckerei liegen. Alles ist darin: die radikale Abkehr von der Gesellschaft, von der gesamten abendländischen Zivilisation; die Unmöglichkeit der Liebe; Sehnsucht nach Erlösung und Fluch der Religion; Fluch dem Krieg; Fluch dem Kolonialismus. Die Ironie des Schicksals will es, dass ausgerechnet Rimbaud seines späteren Lebens in Afrika wegen als Kolonialist angegriffen wurde. Mit einer gnadenlosen Konsequenz schickte er sein Genie dahin zurück, woher es gekommen war. Die Wortmagie hatte nicht gereicht, die Welt zu erneuern: also scheiß darauf, merde pour la poésie, fortgehen und ein ebenso klares wie geheimnisvolles, unübersetzbares Werk hinterlassen. Allein für Rimbaud lohnte es sich, Französisch zu lernen. Sein Lebenswerk passt in einen ziemlich schmalen Band, mein Buch für die einsame Insel, nicht nur die fiktive.
Die Welt marschiert weiter in die unheilvolle Richtung, die der achtzehn-, neunzehnjährige visionäre Poet auf seiner Höllenfahrt gesehen hat. Er konnte sie mit seiner alchimie du verbe nicht verwandeln, ebenso wenig wie sich selbst die Wahrheit in einem Körper und einer Seele bewahren. Aber sein Text, in dem jedes Wort so treffend sitzt, als hätte ihm in der Tat ein Anderer diktiert, bleibt, auch 150 Jahre später: Je est un autre.
4.11.2023
Leichen im Keller
Herr Faggiano kauft ein Haus, um gemeinsam mit Frau Faggiano eine Trattoria zu eröffnen. Irritiert über die Feuchtigkeit in den Wänden beginnt er, im Keller zu graben. Auf der Suche nach einem undichten Rohr stößt er auf eine Zisterne aus der Römerzeit. Die Nachbarn beobachten, wie er sich in den Untergrund arbeitet - neun Meter tief ist die Zisterne – und Massen von Schutt und Steinen aus dem Haus trägt. Sie kommen zu dem Schluss, dass der Mann ein Grabräuber sein muss, Antiquitäten raubt, die dem Staat gehören – sie zeigen ihn an. Das Denkmalamt schaltet sich ein. Herr Faggiano gräbt weiter.
Er findet römische Getreidespeicher, Grundmauern aus der Zeit der Messapier, mehrere mittelalterliche Geheimgänge und Fluchttunnel zu den verschiedensten Orten innerhalb und außerhalb der Stadt. Herr Faggiano entdeckt einen von einem entfernten Fluss gespeisten Brunnen, ein mittelalterliches Massengrab, einen Graben zum Trocknen von Leichen, das Ossarium eines ehemaligen Frauenklosters. Er kommt auf die Idee, aus dem Haus ein Museum zu machen. Auf die Reste des zerstörten Klosteraltars stellt er die Wachsfigur eines Franziskanermönchs in Lebensgröße, an die Wand hängt er ein blutendes Haupt Christi. Ein echtes hat er nicht gefunden, also ist es ebenfalls aus Wachs. Von den Glas- und Keramikobjekten, die er ausgräbt, geht der interessantere Teil an die Stadt. Ihm bleiben die Scherben aus Glas und Ton, ein Frauentorso ist dabei, Stücke von Trinkgefäßen, ein halber Engelskopf, die er in einer Vitrine auslegt, ohne erkennbare chronologische oder ästhetische Ordnung.
Die Dachterrasse des Hauses mit ihren Treppen und Leitern ist ebenso erstaunlich wie der Untergrund, man glaubt, über die Dächer der ganzen Stadt Lecce gehen zu können und immer neue Geheimnisse zu entdecken. Ein Turm mit Ausguck, gleich darunter der ehemalige Schlafsaal der Nonnen. Dieser ist liebevoll eingerichtet mit persönlichen Gegenständen aus dem Fundus der Besitzer. Bourgeoise Plüschmöbel unbestimmbaren Alters stehen darin, ein Schränkchen mit Heiligenfiguren und Schnapsflaschen en miniature, auf dem Boden eine weitere Vitrine: antike Ton- und Glasbruchstücke neben Weinflaschen aus den 1970er Jahren, alle leer. Im nächsten Saal nüchterne Stuhlreihen und ein pausbäckiger Engelskopf, der leicht verwirrt auf die nicht anwesenden Zuhörer schielt, oder ist es ein Schaden am Stein? Nach dem Ausdruck des Engels zu schließen, spricht der Redner Latein mit einem unbekannten Akzent.
Eine Kammer im hintersten Winkel des Erdgeschosses ist den ehrenwerten fünf Freunden des Museumsbesitzers gewidmet, die 1970 eine prähistorische Höhle entdeckt haben. Ein Foto der Helden, Nachbildungen der Höhle, an der Wand eine Karikatur der grabenden Forscher. Zwei von ihnen tragen Waffen und hakenkreuzgeschmückte Uniformen. Unter der Zeichnung stehen ihre Spitznamen: il Bomber, il Panzer, la mano del fatto – die Hand des Schicksals.
Wer mir nicht glaubt: Museo Faggiano, Via Ascanio Grandi, 56/58, 73100 Lecce, Eintritt 5 Euro, für Kinder und alte Menschen nur drei.
8.10.2023
Gendergerechte Sprache
Vor einigen Monaten erst habe ich gelernt, dass im Französischen ein neues, neutrales Pronomen eingeführt wurde, nämlich: iel. Und dann, ganz kürzlich, ging mir auf, dass dieses Pronomen unglaublich praktisch sein könnte, um granatenwerfende Belästiger wie Gérald Darmanin subtil zu beleidigen. Wenn iel nicht gern mit diesem, seine Männlichkeit in Frage stellenden Wort bezeichnet würde, so könnte man iel entgegnen, man drücke sich gern korrekt aus und wolle iel keinesfalls sexuell diskriminieren. Anders als das bekannte Darmanin Caca Boudin (“Darmanin Kackipups”) hätte so ein iel überhaupt keine strafrechtlichen Folgen.
Im Deutschen gibt es seit jeher ein neutrales Pronomen: es. Wenn man Personen gleich welchen Geschlechts als es bezeichnet, würden sich dennoch die meisten von ihnen beleidigt fühlen, binär oder nicht. Deshalb wurden auch bei uns neue, neutrale Pronomen erfunden, gleich mehrere, die konkurrieren. Zie, ey, ve, tey, xier, xi, nin, sif, per, hen oder dey – um nur eine Auswahl zu nennen. Das eröffnet neue, ungeahnte Möglichkeiten für außerirdisch anmutende Dialoge und für Beleidigungen ebenfalls („Ey, sif!“), ist aber zugleich super unpraktisch.
Ich habe einen einfachen, innovativen Lösungsvorschlag für dieses Problem. In einem früheren Leben als Ethnologin habe ich auf Madagaskar die einzige wirklich gendergerechte Sprache kennengelernt. Malagasy besitzt kein grammatikalisches Geschlecht. Das Pronomen für er, sie, es und alle anderen ist izy (gesprochen wie easy!). Alle Nomen existieren nur in der geschlechtsneutralen Form. Wer sie als männlich oder weiblich markieren möchte, muss mühsam ein „lahy“ oder „vavy“ anhängen. Und sogar die Vornamen werden schmerzfrei auf alle Geschlechter verteilt. Frauen heißen Victor oder Richard, Männer Mamy („Süße“) oder Tiana, und keiner findet was dabei.
Mein Vorschlag ist folgender: Wir mieten das madagassische izy (easy!). Weil Madagaskar eins der ärmsten Länder der Welt ist und mit am schlimmsten unter dem Klimawandel zu leiden hat (Dürre, Zyklone…), an dem seine Bevölkerung, anders als wir, keinerlei Schuld trägt, wäre eine Abgabe auf die Benutzung dieses Pronomens eine kleine, sinnvolle Unterstützung. Wenn bei jeder Nutzung nur 5 Cent eingezahlt werden, wird das deutsche Bildungsbürger keineswegs schmerzen und einem sehr armen Land, das sich trotzdem den Luxus erlaubt, sich politisch korrekt auszudrücken, helfen.
Übrigens steht das Wort Gender auf meiner persönlichen Hitliste der blödesten englischen Lehnwörter ganz weit oben. In englischsprachigen Ländern sagt man gender, um nicht sex zu sagen. Weil man bei sex natürlich gleich an Sex denkt und das mit Gender bekanntlich nichts zu tun hat. Auf Deutsch kann man aber möglicherweise das Wort Geschlecht benutzen, ohne gleich wilde Orgien vor Augen zu haben? Wenn doch, gibt es ersatzweise auch Genus, das schlicht das grammatikalische Geschlecht bezeichnet, ohne jede Assoziation. Ich würde meinen Vorschlag dementsprechend erweitern und bei jeder Benutzung von „Gender“ zwei Euro spenden lassen. Damit wäre nicht nur der Geschlechtergerechtigkeit geholfen, sondern zugleich, ein ganz winziges Stück, der Gerechtigkeit auf der Welt.
28.7.2023
Einmal Bismarck und zurück
Ob der autoritäre Geist nur in den Dingen schläft und jederzeit bereit ist wieder zu erwachen? Ich fürchte, ja. Er ist vermutlich schon dabei, beseelt diverse Regierungspersönlichkeiten der westlichen und östlichen Welt und mit ihnen diejenigen, die sie wählen.
Wenn man keine Regierungen stürzen kann, dann wenigstens Statuen. Deren Sturz gilt allerdings als Sachbeschädigung. Eine Straftat, die hierzulande beinahe so schwerwiegend ist wie Terror. Es bleiben die bescheidenen Waffen Stift und Pinsel. Die sind bisher nicht verboten.
„Bismarck Antiautoritär“ heißt eine Serie von zeichnerischen Verwandlungen des blutigen und eisernen Kanzlers, die noch bis zum 1. April (kein Scherz) 2024 in der Zitadelle Spandau zu sehen ist, neben den Werken mehrerer spannender Künstler, in der Ausstellung „Bismarckstreit“.
Der Titel ist Antithese zum Gehorsamskult, den preußischen Tugenden wie Fleiß, Ordnung und Pflichtbewusstsein, die zugleich für eine Form der Erziehung stehen, die einen bestimmten Untertanentypus hervorgebracht hat. Bismarck als Ikone des Preußentums bietet sich an, mit der gebotenen Respektlosigkeit umgewidmet zu werden – für eine Erziehung zum Ungehorsam.
Damit der Untertanengeist nicht solche Blüten treibt, wie von Bismarcks Sekretär Christoph von Tiedemann überliefert – er und Professor von Sybel, beide Bismarcks Untergebene, bewundern den Nachttopf ihres Chefs:
„Als wir uns an die Wand stellen, sagt Sybel so recht aus tiefstem Herzen: 'Es ist doch alles groß an dem Mann, selbst die Scheiße!'“
Dass große Künstler große Schweine sein können, ist bekannt. In vielen Fällen hindert es ihren Ruhm nicht (man denke an Picasso oder Thomas Mann). Manchmal aber doch. So bei Hans Henny Jahnn.
Über Hans Henny Jahnn hielt ich den allerersten literarischen Vortrag meines Lebens. Ich war achtzehn, und meine Schule feierte ihr 250-jähriges Jubiläum. Als ich der Zuhörerschaft von Jahnns schockierenden Vorlieben für Knaben und Pferde (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) referierte, dachten die empörten Eltern aus den Elbvororten, ich hätte mir das ausgedacht - pour épater le bourgeois, natürlich. Es gab Murren und Zwischenrufe im Publikum. Die Empörung richtete sich allerdings nicht gegen den polysexuellen Literaten, sondern gegen die unschuldige Schülerin. Dabei war ich in einem Alter, in dem es völlig okay war, Knaben und Pferde zu mögen.
Der Fairness halber muss ich erwähnen, dass ich auch eine positive Rückmeldung bekam. Ein Lehrer sprach mich einige Wochen später in der Pause an und sagte: „Ihr Kurzvortrag über Kurt Tucholsky wird mir immer in Erinnerung bleiben.“
Der arme Tucholsky. Er konnte sich nicht mehr wehren.
Demnächst setze ich mich, mit viel zeitlichem Abstand, noch einmal für Hans Henny Jahnns Nachruhm ein. Ich werde versuchen, seine guten Seiten ins Licht zu stellen. Der Mann war nicht nur während der Nazizeit im Exil, sondern auch schon im ersten Weltkrieg. Er stellte sich vehement gegen Atomkraft und Wiederbewaffnung. Und er konnte, so abstoßend manche seiner Inhalte sind: Schreiben.
24.6.2023
Matthias Döpfner, die KI und ich
Wir Schreibenden leiden unter einem Dilemma. Viele, wenn nicht die meisten von uns, sind im Grunde ihres Herzens schüchtern, introvertiert und gern mit ihren Texten allein. Um sich aber diese Momente mit den Texten allein erlauben zu können, braucht es – genau: Öffentliche Aufmerksamkeit.
Ich dachte mir, ein guter Weg, öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen ist, sich selbst in Verbindung mit prominenten Namen zu nennen. Der Gedanke kam mir zum ersten Mal, als ich ein Bild von Putin sah, der in einem kreuzförmigen Becken mit Eiswasser badete. Putin und ich, wollte ich schreiben, haben eine Gemeinsamkeit: Wir baden beide gern im kalten Wasser, aber schon bei der Religion hört es auf. Ehe ich meinen Plan ausführen konnte, begann der Ukrainekrieg, und nichts an Putin kam mir mehr lustig vor.
Jetzt beeile ich mich ein bisschen, ehe Matthias Döpfner auch einen Krieg anfängt.
Ich vermute, ich habe mit ihm noch weniger gemeinsam als mit Putin, jedenfalls weiß ich nichts von seinen Badegewohnheiten, und seine Milliarden teilt er auch nicht mit mir. Siehe da, wir haben doch eine Gemeinsamkeit: Wir haben beide keine Erbschaftssteuer bezahlt. Was bei mir allerdings daran liegt, dass ich nicht geerbt habe. Was seine Ansichten betrifft, so wundere ich mich, dass alle, die darüber reden und schreiben, erstaunt und schockiert scheinen. Was ist der Aufreger? Er hat offenbart, dass er genau das denkt, was seit Jahrzehnten in „Bild“ und „Welt“ zu lesen ist. Insofern ist Matthias Döpfner irgendwie authentisch. Vielleicht haben alle stillschweigend vorausgesetzt, dass er das lesende Volk mit Müll füttert, aber privat ein ganz feiner Mensch ist. So wie ein Schlachthofbesitzer, bei dem zu Hause nur ein glückliches Freiland-Biohuhn auf den Tisch kommt. Wäre das besser?
Wenn die KI, wie viele befürchten, uns beide, Herrn Döpfner und mich, in absehbarer Zeit arbeitslos macht, hält er mir jetzt vielleicht zum Dank eine Mindestlohn-Agrararbeitsstelle in der Ex-DDR frei. Er wird dann für seine kleinen Ausgaben sicher noch ein paar Millionen übrig haben und sich keine Gedanken um die monatliche Miete machen müssen.
Vor 150 Jahren (ungefähr) kam mit der Entwicklung der Fotografie die Befürchtung auf, die bildende Kunst, besonders die Malerei, sei mit dieser Erfindung am Ende. Glücklicherweise reagierten die Künstler der Welt in den kommenden Jahrzehnten kreativer als die Öffentlichkeit es von ihnen erwartet hatte. Vielleicht trug gerade die unterstellte Überflüssigkeit dazu bei, dass sie mutiger wurden. Sich von Konventionen verabschiedeten. Unbekannte Wege gingen. Ich wage zu vermuten, dass die KI, ähnlich wie seinerzeit die industrielle Revolution, die Inhaber bestimmter bürgerlicher und regulär bezahlter Berufe härter treffen wird als die ohnehin meist prekär lebenden Autorinnen und anderswie künstlerisch Tätigen. Ob ein neues Subproletariat der Gebildeten daraus erwachsen wird, können diejenigen, die es installiert haben, Chat GPT in meinem Namen fragen. Wie immer die Antwort ausfällt, es ergibt sich gleich die nächste interessante Frage: Kann eine KI bewusst lügen?
22.4.2023
Vom Hilligen Eiland ins Heilige Land
Unsere Erdkundelehrerin in der sechsten Klasse hieß Meiki Segelohr. Ihren bürgerlichen Namen erinnere ich nicht mehr, ihr Gesicht dagegen sehr deutlich, weil ich den größten Teil der Erdkundestunden damit zubrachte, Karikaturen von ihr zu zeichnen. Diese Stunden waren unglaublich langweilig. Den größten Teil des Schuljahres behandelten wir Hochöfen im Ruhrgebiet. Ich weiß nicht, ob das eine Form von Sadismus war, oder ob sie die Überzeugung pflegte, es gehöre zum Weltwissen der Elfjährigen, freihand einen Hochofen konstruieren zu können.
Irgendwann entdeckte Meiki Segelohr eine meiner Zeichnungen. Danach fing ich an, im Erdkundebuch zu lesen, um mich von den Hochöfen abzulenken. Das Erdkundebuch fand Apartheid eine gute Sache, es stellte eine Stadt namens Unna Massen vor, die ich für frei erfunden hielt, und es zeigte ein Foto von einem dicken Mann, der im Toten Meer lag und eine Zeitung las.
Viele Jahre später hatte ich endlich Gelegenheit, dieses Foto nachzustellen. Da ich kein dicker Mann bin, nahm ich ersatzweise ein dickes Buch zur Hand. Es war nicht leicht, ins Tote Meer zu gelangen. Das Tote Meer trocknet langsam aus, weil dem Jordan zu viel Wasser entnommen wird. Aber das dicke Buch war die Klettertour über einen Hang voller Warnschilder wert.
Es wiegt mehr als fünfhundert Seiten, gefüllt mit den Abenteuern des Helgoländer Fischers Pay Edel Edlefsen, dessen Name ein bisschen klingt wie der seines Erfinders, und der wider Willen zum Weltumsegler wird – in Gedanken, wie Odysseus, immer bei der wartenden Liebe auf der Heimatinsel (wenn er auch, ebenfalls wie Odysseus, gelegentlich von einer Zauberin verführt wird). Diese Seiten sind so voll mit recherchierten und erfundenen Details, skurrilen Überlegungen, Versen und Bildern, spanischen, portugiesischen und friesischen Ausdrücken, dass meine Reise viel länger hätte dauern müssen, um es ganz zu lesen. Jetzt lese ich mit Fernweh weiter: “Mit Magellan” von Reimer Boy Eilers. Es stecken zwanzig Jahre Recherche darin und eine Karavellenladung Phantasie.
Auf dem Berg Sinai haben wir das erste Licht des neuen Jahres begrüßt (diesmal ohne Reimers Buch). Mit diesem Lichtbild schicke ich meine guten Wünsche an alle Lebenden, Liebenden, Lesenden und Schreibenden. Und zitiere Tucholsky, der Martje Flors zitiert:
Up dat es uns wohl go up unsre ohlen Tage – !
12.1.2023
Venus mit Pfeife
Die gute Nachricht zuerst: In Rösrath kann man aktuelle Steinzeitkunst zum läppischen Preis von 2,10 Euro pro Stück erwerben. Und nun die schlechte: Dorthin zu kommen ist nicht einfach.
Die Reise begann morgens früh um sieben. Von Altona bis zum Hamburger Hauptbahnhof ging alles glatt. Dann wurde eine “umfangreiche Störung” verkündet. Erst hieß es eine halbe Stunde, dann 45 Minuten, dann den ganzen Tag keine Züge mehr in Norddeutschland. Die Fahrgäste standen da wie gelähmt, denn jeder dachte, der Krieg bricht aus. Wir buchten die letzten zwei Plätze im Flixbus nach Köln. Und mir ging das Kinderlied von Bolle nicht aus dem Kopf (Kinder lieben Grausamkeit, Skelette und sowas): Bolle wollte nicht mehr leben / er hat sichs überlegt / er hat sich auf die Schienen der Kleinbahn draufgelegt./ Die Kleinbahn hat Verspätung/ und vierzehn Tage drauf / da fand man unsern Bolle als Dörrgemüse auf.
Wie wir später erfuhren, wären wir mit der Kleinbahn doch schneller ans Ziel gelangt. Unser Bus baute mitten in Niedersachsen einen Auffahrunfall, und wir kamen erst in Köln an, als am Himmel schon ein buttergelber Mond stand. Der Mond ist fetter dort unten im Süden.
Hier glaubt der verwöhnte Großstadtmensch, am Sonntag seinen Morgenkaffee finden zu können.
Und hier war der Moment, wo mir fast die Tränen kamen – nicht bei der Bahn-Sabotage, nicht beim Busunfall, nicht bei der nächtlichen Suche nach dem Hotel, und nicht einmal, als ich später am Nachmittag den Preis der Gruppe 48 nicht bekam. Es war der eisige Morgen an der menschenleeren Landstraße, ohne Chance auf ein heißes Getränk. Zum Glück kamen wir wenig später von Overath nach Rösrath, fanden die Steinzeitvenus und neben ihr zwei Tassen Cappuccino.
Die Venus zu essen haben wir uns beide nicht getraut. Vermutlich müssen wir sie wirklich versteinern lassen. Und was den Literaturpreis angeht: Ich will keine Konkurrenten abschrecken, nur warnen. Es ist hart verdientes Geld.
11.10.2022
Skandal um
Um die documenta fifteen war viel Skandal. Jetzt ist sie zu Ende gegangen. Ich fuhr kurz vorher hin (im Kollektiv, wie die Macher des Ganzen) und habe eine Vision davon mitgenommen, was in fünf Jahren kommen wird.
Documenta fifteen – warum man hier ein englisches Wort ausschreiben muss statt eine weltweit verständliche arabische Zahl zu benutzen, ist mir ein Rätsel. Political correctness? Ich finde, die zwanghafte Verwendung der Sprache des US-amerikanischen Imperialismus diskriminiert alle franco-, luso- und italophonen Menschen, und vor allem die Mehrheit der Weltbevölkerung, die außereuropäische Sprachen spricht. Sonst hatte die documenta quinze, und ich vermute, das ist das Einzige, was von ihr dauerhaft in Erinnerung bleiben wird, ein Problem mit fehlender correctness (antisemitische Karikaturen, die abgehängt wurden – eine, die noch hing, habe ich auf einem Wimmelbild im Hallenbad Ost entdeckt) und war erklärt politisch.
Ich finde, Kunst darf politisch sein und muss es angesichts der Machtstrukturen und der Dinge, die sie produzieren, vielleicht sogar. Aber ist alles, was politsch ist und sich visuell mitteilt, deshalb Kunst? Meinem Verständnis nach ist Kunst mehrdeutig und bewegt sich nicht nur auf einer, der informativen Ebene. Ich will mir Fragen stellen, wenn ich ein Kunstwerk betrachte, nicht Antworten geliefert bekommen. Alles Andere empfinde ich als Kitsch (bürgerlich) oder Agitprop (documenta quindice).
Vor fünf Jahren und vor zehn Jahren war ich auch in Kassel und fand einen Tag beide Male zu kurz. Diesmal hat uns (wir waren zu viert) hauptsächlich das kulinarische Begleitprogramm begeistert. Die Bioköche mit ihren selbst angebauten Linsen waren super, und der freundlichste Winzer der Südpfalz schenkte uns zur gekauften Flasche Weißwein gleich die Gläser dazu. Auch der Second-Hand-Laden im Hübner-Areal hat mir gefallen. Daher meine Zukunftsvision: Auf die documenta dimy ambin’ folo wird 2027 ein skandalfreies docu-food-event (geht auch auf Englisch!) folgen, mit ein paar Flohmarktständen zur Auflockerung.
Die Keramikfrüchte und -fische auf den Fotos stammen vom Künstlerkollektiv Britto, der freundliche Winzer gehörte zum Weingut Müller aus Frankweiler, und die Paderborner Pilgerlinse kann ich auch empfehlen.
27.9.2022
Hommage à Sagres
Sagres gleicht ein wenig einer Wildweststadt, hier Neubauten, dort leerstehende Gebäude in verschiedenen Stadien des Verfalls, freie Flächen mit Gestrüpp. Darunter liegt rote Erde, deren Anblick mir das Gefühl gibt, nicht mehr in Europa zu sein. Es stimmt beinahe. Sagres ist ein Anhängsel am Südwestrand des Kontinents. Und immer weht der Wind darüber.
Die alte Grundschule mit ihren zwei Eingängen für Jungen und Mädchen war vor wenigen Jahren noch in Betrieb. Jetzt müssen die Schulkinder mit dem Bus nach Vila do Bispo fahren, und das Schulgebäude wurde umgewidmet. Es ist ein Club darin: Clube Recreativo Infante de Sagres. Nur noch ältere Herren gehen durch den ehemaligen Jungeneingang, um drinnen Bier zu trinken, Tremoços zu knabbern und Fußball im Fernsehen anzugucken. Wie ist das wohl für diese Herren, in der Grundschule, die sie alle einmal besucht haben, zu sitzen und zu trinken? Besser noch, sich vorzustellen, was die kleinen Josés und Manels vor sechzig Jahren gesagt hätten zu der Idee, ihre Schule würde einmal zu ihrer Stammkneipe werden.
Ich musste unweigerlich an den kleinen Nick denken, der jetzt etwa so alt wäre wie die trinkenden Herren und gemeinsam mit meinem Sohn ordnete ich jedem von ihnen den passenden Charakter zu. Der dicke Wirt war natürlich Otto, der mit dem Polohemd und den schicken Schuhen Georg mit dem reichen Vater, und der Magere vor dem Fernseher Max mit den großen, dreckigen Knien…
Der kleine Nick ist inzwischen aus einigen Schulbüchereien verbannt worden, unter anderem, weil Adalbert, dem Klassenbesten, darin so übel mitgespielt wird. Also ist es wahrscheinlich politisch nicht korrekt, diese Geschichten zu mögen. So wenig, wie mit dem Flugzeug in die Ferien zu fliegen. Ich bekenne mich schuldig. Wir leben in sehr moralischen Zeiten – nur für die kleinen Fische allerdings, die sich vermutlich noch schämen werden, wenn sie den Großen nicht gut schmecken.
Zurück nach Sagres: Ich war vor über zwanzig Jahren schon dort, und habe, fasziniert von einigen der verlassenen Gebäude, einen Krimi geschrieben, der dort spielt. Er liegt bis heute in meiner Schreibtischschublade. Andere Dinge in meinem Leben haben dafür gesorgt, dass ich ihn niemals losschickte und bald vergaß. Vergaß, bis ich vom Erfolg jener Fuzeta-Krimis hörte. Da dachte ich, MANN, BIST DU BLÖDE. So wird man niemals reich…
Stattdessen habe ich gerade etwas ganz Unkommerzielles veröffentlicht. In Lübeck gibt es, was ich wunderbar finde, die Erich-Mühsam-Gesellschaft. In den neuen Mitteilungen der Erich-Mühsam-Gesellschaft steht ein Essay von mir: Woher der Mut? ist der Titel. Man kann ihn gar nicht kaufen. Nur von der Erich-Mühsam-Gesellschaft bekommen, wenn man freundlich danach fragt. Was ich sehr empfehle, denn Erich Mühsam ist für mich ein echter Held.
19.8.2022
Bücher für alle und keine Macht für niemand
Seit Wochen quält mich der Gedanke: Was kann man schreiben, wenn die Welt verrückt spielt? Oder vielmehr die, die sie regieren? Ich habe den sicheren Weg gewählt und nichts geschrieben, um nicht Winterdepressionen im Frühling zu verbreiten. Neulich habe ich etwa dreißig Sekunden Fernsehen gehört, versehentlich und aus dem Nebenzimmer. Innerhalb dieser sehr kurzen Zeit fiel der Satz: "Die Moral der Kämpfer scheint intakt". Was hat Krieg mit Moral zu tun?
Bei mir versammeln sich wöchentlich ein paar rebellische Mütter an der Rotweinoase und beschwören das bleiche Gespenst der Anarchie. Das tröstet bei aufkommender Endzeitstimmung. Leider haben es die Anarchisten nicht leicht in der Welt. Man schlägt sie tot und ehrt auch später ihr Andenken nicht gern, feiert lieber spät geläuterte Nazi-Offiziere als zum Beispiel Erich Mühsam (LESEN! meine Empfehlung zum Welttag des Buches). Wenn die Menschen mehr lesen würden, würden sie sich möglicherweise seltener gegenseitig umbringen. Wenn man glaubt, in seiner Kleidung nicht mehr atmen und auf der Straße nicht mehr gehen zu können, ist es auch sehr schön, ans Meer zu fahren - oder auf dem Meer. Ebenda, zwischen Helgoland und Hamburg hatte ich eine überraschende Begegnung. Reimer Eilers saß am Nachbartisch und mahnte unter Einhaltung aller Abstandsregeln diesen Beitrag bei mir an. Fast wie ein freundliches Inkasso-Unternehmen.
Helgoland ist übrigens wirklich schön. Er lügt nicht - das weiß ich seit gestern.
23.4.2022
Weltfrieden
Vor ein paar Tagen sagte ein kluger Mann zu mir: "Wir sind die letzten Pazifisten."
Ich hoffe, der kluge Mann hatte Unrecht.
Die Friedenstaube ist bös gerupft worden in den letzten Wochen. Ich höre und lese, dass nicht wenige eine Beteiligung am Krieg für richtig und unvermeidbar halten, und staune, wie schnell die Virologen der letzten zwei Jahre sich zu Militärstrategen wandeln.
Man braucht kein Militärstratege zu sein (auch keine Militärstrategin), um zu begreifen, dass es in einem solchen Krieg nur Verlierer geben kann. Müssen wir so selbstmörderisch dumm sein, die Welt in Brand setzen zu wollen?
Ich füttere lieber die misshandelte Taube. Es unterstelle mir deshalb keiner, mit Putin sympathisieren zu wollen. Putin und ich, wir baden beide gern in kaltem Wasser. Ich schreibe Dystopien, er lebt sie. Das wars mit unseren Gemeinsamkeiten: Ich will Frieden, auch wenn er ihn nicht will.
16.3.2022
Antananarivo – Hamburg – Hannover
Familie – man gründet sie und verlässt sie, man liebt sie und man hasst sie, verliert sie und findet sie wieder. Manchmal wird man auch unerwartet von ihr gefunden, so wie ich bei meinem ersten Aufenthalt auf Madagaskar. Es ist lange her, die Familie aber ist geblieben.
Meine letzte Reise nach Madagaskar war ein Abschiedsbesuch. Dada Richard, mein Adoptivvater aus Antananarivo, im Foto oben ganz links, auf der Zeichnung unten in seinem Krankenbett, wollte mich zum Ende seines Lebens noch einmal sehen. Zwischen beiden Bildern liegen fast 27 Jahre. Ich berichte darüber in einer Erzählung, die spätestens diesen Juni in unserem lang erwarteten Lesebuch Die Kult Maschi’n zu lesen sein wird: Madagaskar, intime Fremde.
Gibt es Leser dieses blogs, die in Hannover leben? Am 8.3. um 18:30, also sehr bald, halte ich dort bei der Ethnologischen Gesellschaft einen Vortrag. Passend zum Weltfrauentag heißt das Thema „Matriarchinnen auf Madagaskar“. Besucher aller Geschlechter haben freien Eintritt.
Madagaskar ist, wie das Erdbeben von Lissabon, ein Beweis dafür, dass Gott entweder nicht existiert oder nicht gerecht ist. Die freundlichsten Menschen der Welt leben dort in unglaublicher Armut und werden Jahr für Jahr von biblischen Plagen wie Dürre, Überschwemmungen und der Pest heimgesucht. Wer Gottes Ungerechtigkeit ein wenig entgegenarbeiten will, ohne die Geländewagen und Villen von Wohltätigkeitsfunktionären zu finanzieren, könnte das hier tun oder hier
Auf Wiedersehen in Hannover? Das wäre schön.
17.2.2022
Papiergewinnung auf dem Mond
Den ersten Absatz meines ersten Blogs beginne ich mit einem Geständnis: Ich mag Arno Schmidt. Seine boy-meets-girl-Geschichten sind schlicht gestrickt, er lässt seine Bildung weit raushängen und war bestimmt ein arg unsympathischer Mensch. Ich mag ihn trotzdem. Er hat ein sehr witziges Buch geschrieben, das zur Hälfte auf dem Mond spielt und das ich für jede Quarantäne empfehlen kann (für längere Zugreisen auch): Kaff. Auf dem Mond lebt nach der atomaren Apokalypse ein trauriger Rest Menschheit, gespalten in eine russische und eine amerikanische Hälfte, und leidet Mangel an Vielem. Unser Ich-Erzähler arbeitet bei den Amerikanern an der Papiergewinnung aus Schiefergestein, relativ erfolglos.
Als ich von der aktuellen Papierknappheit hörte, musste ich gleich an diese Geschichte denken: Der alte Schmidt hatte doch Recht. Kaum kommt Krise, fehlt es an Papier. Die amerikanische Kolonie im Buch besitzt 843 Bibeln und sonst nicht viel. Das bereuen sie jetzt. Daher empfehle ich denen, die ihr Geld gut anlegen wollen, den Kauf von Büchern. Am besten von Büchern, die nicht jeder hat.
Was hier wie ein explodierender oder sonstwie beschädigter Vollmond vor dem Fenster hängt, erkennt jetzt eine Jede und ein Jeder (Krise!). Aber wäre es nicht schön, sich dieses Buch ins Regal zu stellen und es so lange zu vergessen, bis man nicht mehr auf Anhieb weiß, was gemeint ist?
Ein Drittes und Letztes zum Thema Mond: Mit dem morgigen Neumond beginnt in China ein neues Jahr. Es steht im Zeichen des Tigers. Ich finde es schön, wenn man mehrmals im Jahr Neujahr feiert, dann muss man die guten Vorsätze nicht so lange einhalten, kann einen guten Wein öffnen und neue Pläne schmieden. Echte Tiger retten und Papiertiger in Not auch: Bücher hamstern, Bücher lesen, Bücher schreiben, Bücher verschenken.
Gan bei! - Leert die Gläser...
31.1.2022











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